3 Kontinente

Meine Welt aus meiner Perspektive

ONE MAN, a rap project

Listen

To download the file: right-click on the download button > save target as
Zum herunterladen: Rechtsklick auf „Download“ > Ziel speichern unter

Abenteuer per Fahrrad

20141207_135505Ich verlasse die Baustelle und begebe mich auf den Heimweg. Noch ahne ich nicht, was mir für ein Abendteuer bevorsteht. Auf den ersten Metern, noch im kleinen Gang, fische ich mein Handy aus der Hosentasche und wähle per Kurzwahl Minimax Nummer. Ich klemme das Handy unter den Riemen am Helm. Es tutet viermal, ich schalte einen Gang höher, dann nimmt Minimax ab: „Hallo Schatz, wie geht es dir?“ – „Gut, und dir?“ – „Auch gut.“ – „Ich bin jetzt auf dem Heimweg.“ – „Alles klar. Wir treffen uns zuhause! Tschüss!“ – „Bis gleich!“ Ich lege auf. Das Handy zwischen die Lippen geklemmt suche ich die gehäkelte Handyhülle in meiner Hosentasche. Als ich sie gefunden habe, löse ich in einer gegenverkehrfreien Minute beide Hände vom Lenker, um das Telefon wieder sicher zu verstauen. Ich komme zum Kreisverkehr, über die zwei Straßenschwellen, zum naechsten Kreisverkehr, durch die Senke, am Pool vorbei, am Kreisverkehr rechts und im kleinsten Gang den Hügel zur Grundschule hoch. Dabei überholen mich Autos. Das gefällt mir weniger, denn ich weiß, dass sie mich bei den folgenden vier Straßenschwellen ausbremsen werden. Nach der Kuppe geht es wieder leicht bergab und tatsächlich kann ich hier drei Autos überholen, während das vierte gerade im Schneckentempo das Hindernis passiert. Noch ein kurzer Anstieg, eine Abfahrt mit T-Kreuzung, bei der mir die Vorfahrtsregeln noch recht schleierhaft sind und wo ich deshalb immer mit viel Auge und Handzeichen links abbiege; dann geht es schon auf den Kreisverkehr am Highway zu. Vier Autos warten vor der halben Straßensperre, welche die Grenze des Universitätsgeländes markiert. Ich überhole sie alle und reihe mich rechts neben den Autos am Kreisverkehr ein. Im Rollen beobachte ich den von links kommenden Verkehr: Ein LKW kommt. Ich bremse ab und bleibe stehen, einen Fuß auf dem Bordstein. Ein silbernes Auto befindet sich etwa einen Meter hinter mir. Doch der Fahrer hat seinen Blick ebenfalls auf den LKW gerichtet. Als dieser vorbeigefahren ist, sehen wir, wie das folgende Auto unsere Ausfahrt nimmt und uns somit Platz zum Fahren verschafft. Ich trete kräftig in die Pedale; der Autofahrer tritt noch kräftiger aufs Gas. Er schiebt sich neben mich und anhand des Bogens, den er fährt, erkenne ich, dass er rechts abbiegen will. Ich ziehe beide Bremsen. Meine Geradeausfahrt wird langsamer. Erst jetzt scheint mich der Fahrer bemerkt zu haben. Schon hat sein Auto meinen Fahrweg gekreuzt und er ist meiner Aufmerksamkeit entschwunden. Mit einem Schulterblick links stelle ich fest, dass das Auto hinter mir ein klein wenig bremsen musste, jedoch kein Sicherheitsrisiko für mich darstellt. Ich hätte mich gerne mit einem Handzeichen bei ihm entschuldigt, doch die Situation ist noch nicht überstanden. Stattdessen trete ich wieder kräftig in die Pedalen, um nicht mitten im Kreisverkehr stehen zu bleiben. Rechts von mir wartet ein weiterer LKW auf Einfahrt. Er sieht mich. Während ich den Kreisverkehr geradeaus fahrend verlasse, gebe ich rasch noch ein Handzeichen. Dann folgt eine kurze Abfahrt, die, trotz dass ich Geschwindigkeit für den nächsten Anstieg sammeln muss, Gelegenheit zum kurzen Durchatmen und Dankgebet gibt.
Bergauf, einmal links abbiegen, drei breitere Straßenschwellen überwinden, mal wieder höre ich von verschiedenen Seiten Schulkinder nach mir rufen. Gloria, die Teigtaschen mit Fleischfüllung („Meatpie“) verkauft, grüßt mich im Vorbeifahren. Ein erster Blick in den Himmel sagt mir, dass über Mampong dünne Regenwolken zu sehen sind. Ich komme bei den Mechanikern vorbei, die vor zwei Monaten meinen Reifen geflickt haben. Doch sie scheinen mich nicht mehr zu kennen. Deshalb fahre ich neuerdings ohne Gruß an ihnen vorbei und bereite mich mental schon auf den nächsten Anstieg vor. Direkt hinter den Mechanikern führt die Straße nach rechts; gleich zu Beginn des Anstiegs ist ein nicht mehr befahrenes Bahngleis einasphaltiert worden. Um das zu bemerken, musste ich komischerweise mehr als zwanzigmal über diese Stelle fahren. Am Gelände der CCC (Calvary Charismatic Congregation) führt die Hauptstraße wieder nach links. Ich schalte wieder ein paar Gänge hoch. Am linken Straßenrand sitzt heute wieder einmal der betagte Muslim vor seiner Villa, der mich immer so freudig begrüßt. Er hat ein edles, langes Gewand an, eine Kappe auf dem Kopf, den muslimischen Rosenkranz in der rechten Hand. Als er mich erblickt, strahlt sein Gesicht vor Freude und er winkt mir mit beiden Händen zu. Ich löse aus Höflichkeit die rechte Hand vom Lenker, obwohl ich naturgemäß eher die Linke genommen hätte, und rufe ihm ein freundliches „Guten Abend!“ zu. Während ich die Kuppe fast erreicht habe, nehme ich mir vor, das nächste Mal bei ihm anzuhalten und ihn mit allem gebührenden Respekt zu begrüßen.
Es folgt ein kleines Stück des Wegs ohne besondere Vorkommnisse. Ich hänge meinen Gedanken nach und schaue in die Wolken: In Richtung Kenyase (hinter Buobai) regnet es bereits leicht. Wind kommt auf. Ich bemerke, wie die Sonne eine Wolkenlücke findet und auf einmal alles golden leuchtet. Plötzlich wird es spührbar kälter. Einige Meter weiter merke ich, wie sich warme und kühlere Luftströmungen vermischen. Wieder einmal steht mir ein Hügel bevor. Der Wind wird jetzt sehr stark. Stürmisch. Ich sehe, wie er vor mir auf der Hügelkuppe Sand aufsammelt. Ich reagiere sofort: Bremse, halte am Straßenrand an, drehe mich vom Wind weg. Und schon überrollt mich eine Woge aus Sand. Zwei Minuten lang muss ich so stehen bleiben, bis sich der Wind wieder abgeschwächt hat. Mein Nacken ist mittlerweile voller Staub, der natürlich gut auf der schwitzenden Haut kleben bleibt. Weiter geht’s! Am folgenden Hügel, der mich nach Asokore Mampong bringt, werde ich von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer gegrüßt. Ein Mann aus Buobai. Wir schwatzen kurz. Davon motiviert trete ich kräftiger in die Pedalen, um mit ihm mithalten zu können. Dann fährt er voraus. Ich biege rechts ab, muss einer unaufmerksamen Passantin ausweichen, dann dem entgegenkommenden Taxi. Mit Schulterblicken und viel Aufmerksamkeit lege ich die letzte Strecke auf der Asphaltstraße zurück. Ein Trotro steht am Straßenrand und möchte gerade wieder losfahren. Der Fahrer steckt seinen Kopf aus dem Fenster und sieht mich kommen. Mit einem Kopfnicken bedeute ich ihm zu fahren, während meine Hände bereits zur Sicherheit nach den Bremsen greifen. Er fährt los. Gleich darauf beginnt die bisher noch unbefestigte Senke, in der sich die Autos mit Schrittgeschwindigkeit voran und aneinander vorbei kämpfen. Motorräder und Fahrräder haben es da leichter, denn sie können mit ihren zwei Rädern an dieser Stelle höhere Geschwindigkeiten sicher fahren. Im Gegenzug fühle ich mich hier häufig von den Autos ausgebremst. Dennoch bleibe ich brav hinter ihnen, um keine Gefahr zu provozieren. Das Trotro vollführt eine Linkskehrtwende. Die Straße ist nun frei für mich. Ich suche mir einen Weg aus. Trotz dass ich die Senke mittlerweile recht gut kenne, gerate ich an einer sandigen Stelle ins Schlingern. Dann beginnt die neugebaute Asphaltstraße nach Parkoso. Hinter der nächsten Bergkuppe angekommen zweigt die Piste nach Buobai ab. Zeit für einen Blick in den Himmel: Noch regnet es nicht. Ich versuche etwas schneller zu fahren. In der Rechts-Links-Kurve bekomme ich erste Tropfen ab. Den nächsten Hügel nehme ich im mittleren Gang. Ich schwitze vor Anstrengung. Rufe alles Potential aus meinen Beinen ab. Insgesamt sind es drei Anstiege, bis ich die Station erreiche, bei welcher ich links abbiege und zum Haus rollen kann. Es beginnt zu regnen. Diesmal habe ich höheres Tempo als sonst. Der Weg hier ist sehr ausgewaschen und erfordert viel Konzentration. Doch auch hier habe ich meinen bevorzugten Pfad; kenne die Stellen, an denen ich bremsen muss. Ich stelle mich mehr auf die Pedalen als auf den Sattel, arbeite mit meinem Oberkörper, verlagere an den steilen Stellen das Gewicht nach hinten, hebe den Arsch auch deshalb an, da er mir sonst an den holprigen Stellen weh tun würde. Mit einer Gewichtsverlagerung versuche ich, über die drei halb im Weg eingegrabenen Steine zu springen. Ich trete nochmal stark in die Pedalen, um gleich drauf wieder abzubremsen und den Sandhaufen zu umrunden. Wenn man hier zu schnell ist, schlittert man entweder im Sand weg oder bekommt die Kurve um die Moschee nicht und landet im Busch. Die Tropfen werden größer. Die letzten Meter. Ich sehe, dass das Tor offensteht. Mein Rad bringt mich sicher über die 40cm breite Bretterkonstruktion, die als Brücke über den Graben vor dem Haus dient. Durch das Tor und die Einfahrt hinunter. Das Schloss hängt vor unserer Veranda. Minimax ist noch nicht da. Volle Kanne bremsen. Der Platzregen setzt ein. Ich springe ab, greife mein Rad und hebe es auf die dritte Stufe. Der Regen kommt seitlich, sodass das Minivordach keinen Schutz bietet. Wo ist mein Portemonnaise? In der Hosentasche. Schnell öffnen, den Schlüssel rauskramen, das Tor öffnen. Mit einem Handgriff mein Rad auf die noch recht trockene Veranda stellen. Dann nehme ich den Helm ab. Ich habe es noch vor dem starken Regen geschafft!

Ein Streifzug durch Ghana

Diesen Beitrag habe ich bereits im November geschrieben. Entschuldigung für die späte Veröffentlichung!

Ein Hoch auf Plastik
Auf dem Weg zur Arbeit halte ich an einem Stand an und kaufe Frühstück: Koko 50p, Bread 50p, Groundnuts 20p. (Aktueller Kurs: 4GH = 1EUR) Koko ist ein sehr nahrhaftes Getränk aus Hirsemehl und Wasser, nach Belieben mit Zucker verfeinert. Da ich es im Büro trinken will, nimmt die Verkäuferin einen Frühstücksbeutel und füllt das Koko aus einem großen Kessel ab. Knoten rein – fertig. Im Büro angekommen muss ich es nur noch gut schütteln, ein Loch in eine Ecke beißen und aufpassen, dass ich mir nicht die Finger verbrenne.

Gelebte Religionsfreiheit
In Ghana gibt es überwiegend Christen und Moslems. Auch Naturreligionen werden noch praktiziert. Die Christen auf der Baustelle versammeln sich täglich vor der Arbeit zu einem Gebet. Die Moslems sieht man am Mittag und Nachmittag, wie sie sich waschen und beten. Für sie wurde extra ein Gebetsort geschaffen, bestehend aus Fußboden mit Gebetsteppichen und einem Dach.

Respekt gegenüber Frauen und Fremden
Mittags um 12 beginnt die Pause. Ich stelle mich meistens am Waakye-Stand vor der Baustelle an. Vor mir stehen eine Reihe anderer Arbeiter, die auf ihren Reis mit Bohnen warten. Dennoch bin ich die nächste, die ihre Portion erhält. Ich frage einen älteren Arbeiter nach dem Grund. Er lächelt und sagt: “Ladies first.” Ich bin ihm sehr dankbar für diese Antwort, den mittlerweile habe ich es satt, als Ausländer eine Sonderbehandlung zu bekommen. Ebenso geht mir die Frage “Kannst du Fufu essen?” auf die Nerven. Für mich gibt es nichts selbstverständlicheres, als meine Finger in die Suppe zu tauchen. Häufig wollen mir die Ghanaer das nicht glauben; doch sobald sie es sehen, sind sie sichtbar stolz und begeistert von ihrem Obruni.

Selbstverständlichkeiten
Auf dem Weg zum Sammeltaxistand begegne ich zwei Arbeitern. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, mich so weit wie möglich mit ihrem Auto zu fahren. Gleiches gilt für Wahab: Wenn wir gemeinsam unterwegs sind und er jemand bekanntes am Straßenrand sieht, wird gehupt, angehalten, gegrüßt. Gelegentlich nehmen wir jemanden mit. Ganz nach dem Motto: Wenn wir uns gegenseitig helfen, ist allen geholfen.
Ebenso selbstverständlich ist es, einem Gast Wasser anzubieten. Wenn ihr selber einmal unter der afrikanischen Sonne wandelt, werdet ihr diesen Segen sehr schätzen.

Family is all you need
Auf die Familie kannst du dich verlassen. Wenn du ein Problem hast: Einer wird dir helfen, es zu lösen. Wenn du Geld hast, gibst du es der Familie. Wenn du keins hast, wirst du von der Familie versorgt. Im Family House gibt es immer ein Bett für Gäste. Es gibt immer jemanden der kocht. Es ist immer jemand zuhause.
Wenn ich von der Arbeit heim komme, gehe ich schnurstracks zum Family House. Dort warten die Kinder schon auf mich. Manchmal helfe ich Kande beim Kochen. Der Pfeffer wird mit der Hand gemörstert. Der Kessel auf dem Holzkohlegrill erhitzt. … In der Mehrzahl der Haushalte wird mit Kohle gekocht. Reichere Familien leisten sich Gasherde. Ein Elektroherd ist aufgrund der vielen Stromausfälle nur in Kombination mit einem Generator ratsam.
Ich warte mit dem Abendbrot auf Wahab. Wir setzten uns auf die betonierte Fläche im Hof, den Topf mit Suppe zwischen uns. Jeder hat einen TZ-Kloß vor sich, eingepackt in einen Frühstücksbeutel. Der Rest ist, wie wenn man mit dem Löffel etwas vom Kloß aufschaufelt, in die Suppe tunkt und isst. Nur dass wir es mit den Fingern tun. … Puh, das ist schon so natürlich für mich, dass ich nicht mal weiß, wie ich es am besten für Löffelesser beschreiben soll…

Nach dem Abendessen treffen wir uns mit Freunden und Nachbarn an der Straße, schwatzen und lassen den Abend ausklingen. Denn in Afrika spielt sich das Leben draußen und gemeinsam mit Freunden ab.

Weihnachten

Ach, es war Weihnachten??? …. na immerhin war hier nicht ganz so viel gestresstes Geschenkekaufen, frühzeitiges Bäumchenschmücken  und Spekulatiusfuttern…
Seit Anfang Dezember wurde im Fernsehen (und tw. auch auf der Straße) „Frohe Weihnachten“ gewünscht. Mitte Dezember gesellte sich eine Vielzahl an Feuerwerken dazu. Der Verkehr in der Stadt nahm stark zu. Zum Glück hatten wir mit unserem Motorrad immer ein Durchkommen! Viele öffentliche Gebäude (Banken, Post etc) wurden mit Lametta und Plastiktännchen geschmückt.

Am 24. abends zwang ich mich in ein Kleid und fuhr mit den Nachbarskindern per Trotro zur Kirche. Die methodistische Andacht in Aboabo war geprägt von einem Wechsel aus Bibeltexten und Weihnachtsliedern. Einige davon waren mir von der Melodie her bekannt (Hört der Engel helle Lieder; herbei, o ihr Gläubigen) und die Texte wurden per Beamer angezeigt, sodass ich mitsingen konnte. Das eine oder andere Lied und viele Bibeltexte waren aber auf Twi. Ebenso die 20minütige Predigt, die sich leider nach 2 Stunden noch einreihte. Zwischendurch gab es einen Teil, in dem sich jeder tanzend durch die Plastikstuhlreihen bewegte und seinen Mitmenschen die Hand schüttelte. Am Ende des Gottesdienstes wurden einige wenige Geschenke hereingebracht, welche von liebenden Kirchgängern mitgebracht worden waren. Die Empfänger wurden aufgerufen, um ihre Geschenke abzuholen. Das dauerte insgesamt nur 5 Minuten, denn es waren nicht viele Leute (im Vergleich zum Fassungsvermögen des Kirchraums mit Emporen) da. Zu Beginn des Gottesdienstes waren es sogar überwiegend Musiker, doch mit dem Dröhnen der Musik kamen weitere Menschen herein. Besonders verrückt war das Gebet, bei dem alle zeitgleich ihre persönlichen Anliegen murmelten bis schrien, tw. sogar ins Mikrophon. Das hat mich sehr verwirrt, zumal ich die Sprache nicht identifizieren konnte.

Gegen 22 Uhr war ich zurück in Buobai und wartete auf Minimax. Gemeinsam fuhren wir in die Stadt und machten uns auf die Suche nach einer guten Party. Der X5 Pub, in dem wir Wahabs Geburtstag gefeiert hatten, sowie die Straße davor waren heillos überfüllt. Irgendwie schafften wir es dennoch hinein. Gegen 3 Uhr betrat endlich Samini die Bühne und gab seine Lieder zum Besten. Um 5 waren wir schließlich im Bett. Dementsprechend verschob sich der Aufbruch zum Freibad auf den Nachmittag. Mit 4 guten Freunden, die alle nicht schwimmen konnten, hatte ich viel Freude im flachen Wasser und beim TT.
Die folgenden Tage sowie Silvester genoß ich gemeinsam mit Fatawu, Yakub und Minimax. Zu Silvester verschlief ich sogar den Jahreswechsel (es gab eh nicht viel mehr Feuerwerk als in den Wochen zuvor) und brach erst gegen 1 zu einer Party auf. Mit ein paar Boxen und begeistert tanzenden Ghanaern wird hier schnell eine Straße erobert und zur Tanzfläche umgewandelt.

Harmattan

Ich bin heute im Pullover unterwegs. Wieso das? Ein Pullover im warmen Ghana??
Tja, Leute. Hier weht neuerdings ein anderer Wind: Der Harmattan. Er bringt in Dezember und Januar von Norden kommend trockene Wüstenluft mit sich. In Kumasi klettern dadurch die Temperaturen tagsüber auf durchschnittlich angenehme 33 Grad, während sich die Luft nachts bis auf 15 Grad abkühlt. Im Zimmer wird es trotz geöffneter Fenster zum Glück nicht ganz so kalt. Dennoch schlafen Wahab und manch andere Ghanaer neuerdings mit Jacke. Der Wind bewirkt trockene Haut und rissige Lippen. Nachmittags kommt teilweise ein Kratzen im Hals dazu. Der Wasserstand im Brunnen ist etwas niedriger als sonst. Wir mussten sogar schon das Seil um 40cm verlängern. An den kühlen Morgen kann man leichten Nebel über den Dächern beobachten. Tagsüber, wenn der Nebel weicht, wird der viele Dunst und Staub in der Luft sichtbar. Ich schätze die aktuelle Sichtweite auf unter 3km.
Wie unschwer zu erraten ist, sind die trockenen Straßen noch staubiger als sonst, zumal sie nicht ausreichend bewässert werden. Die Anwohner schützen sich durch Staubmasken und zwingen die Autofahrer durch Hindernisse auf der Straße (große Steine, Autoreifen, Erdhügel) zum Langsamfahren.

Mein Fahrrad

Während ich vor dem Family House sitze und wieder einmal die Reparatur meines Hinterrads erlebe, denke ich an meine erste Fahrradtour zur Arbeit zurück.

Ich starte kurz nach 6 Uhr morgens. Die Sonne versteckt sich hinter dünnen Wolken. Es ist angenehm kühl. Geschätzt 22 Grad C. Ich setze meinen Helm auf. Minimax hat mir extra einen neuen, total schicken und seiner Meinung nach zu teuren besorgt.
Ich schiebe das Radl durch das Einganstor, hebe es über den schmaleb Graben. Auf unwegsamem Gelände, das mit jedem Tag mehr zur Straße ausgefahren wird, rolle ich langsam einer besseren Straße entgegen. Die große Straße in Buobai wird derzeit gebaut. Heute befinden sich große Erdhaufen auf der einen Straßenseite. Die Walze wird kommen und sich ihrer erbarmen. An der Station sehe ich Menschen, die so wie ich sonst auf ein Trotro warten. Es geht kurz bergab, bevor der nächste Hügel auf mich wartet. Dann macht die Straße eine s-Kurve. Genau da begegnet mir ein Trotro. Freundlicherweise hält es Abstand zu mir, sodass ich der Wolke roten Sandes einigermaßen entgehe. Ich passiere die Versammlungsstätte der Zeugen Jehovas – ungefähr das einzige, was Buobai neben Häusern und Sand zu bieten hat – und biege nach Asokore Mampong ab. Bevor ich dort auf die Asphaltstraße gelange, muss ich eine Abfahrt mit Schlaglöchern und Sandstellen überwinden. Dann beginnt die Zivilisation: der Sammeltaxistand, an dem ich normalerweise umsteige, Hütten und Läden, Koko-Verkäufer am Straßenrand. Sie sollen auf späteren Touren diejenigen sein, bei welchen ich mein Frühstück genießen werde. Es geht wieder bergauf. Dann folgt eine lange Strecke vorbei an Weiden, einer Tankstelle, dem Gelände einer großen Kirche, Siedlungen. Es ist erstaunlich wenig Verkehr unterwegs. Selten begegnet mir ein Auto. Dafür rufen mir immer öfter erstaunte Ghanaer hinterher. Ich nähere mich dem KNUST Campus (Kwame Nkrumah University of Science and Technology). Bleibt nur noch der Accra-Kumasi-Highway mittels Kreisverkehr zu überwinden. Hier gilt es selbstbewusst zu fahren, kleine Lücken im Verkehr zu nutzen und sein Vorfahrtsrecht gegen Trotros zu behaupten.
Geschafft! Ich fahre durch ein Seitentor auf den Campus. Zunächst säumen Wohnhäuser den Straßenrand. Plötzlich erreiche ich eine Kreuzung: vor mir der botanische Garten, rechts eine verheißungsvolle Piste, links eine recht gute Straße. Entgegen meiner inneren Stimme entscheide ich mich für links. Ich habe keine Lust mehr auf Pistenfahrten. Doch die Straße zieht sich… An der ersten richtigen Kreuzung – hinter ein paar Feldwegen – frage ich nach dem Weg. Der Mann schickt mich noch eine Kreuzung weiter, dann rechts. Ich bin in Ayeduase, außerhalb des Campus. Da ich mich bereits einmal mit Trotro hierher verfahren habe, erkenne ich den Weg wieder und finde zurück zum Campus. Am Stadion biege ich links ab. Zwischen dem vielen Grün stehen die Studentenwohnheime von Katanga. Dahinter beginnt der grüne Bauzaun von CONSAR LIMITED. Stolz ragt die Baustelle des Wohnheims von Brunei dahinter in den Himmel. Erleichtert biege ich auf die Baustelle ein.

Nach diesen 45 schweißtreibenden Minuten habe ich mir ein pure water und eine Pause im Büro verdient. Danach werde ich 8 Stunden lang auf der Baustelle unterwegs sein und den weit anstrengenderen Heimweg in Angriff nehmen. Mit dabei eine Reifenpanne, ein Heiratsantrag des Mechanikers, ein zweites Mal ein platter Reifen, die staubigen Straßen Buobais und zum Glück ein pure water ohne Absteigen zu müssen. Im Family House angekommen kann ich eine Runde schlafen, bevor Minimax und mit ihm der Schlüssel für zuhause kommt.

Fire Festival

4Direkt neben mir feuert jemand einen Schuss ab. Die Erschütterung lässt mich zusammenzucken. Eine Rauchwolke steigt in den sternenklaren Nachthimmel auf. Dann gleitet mein Blick zu dem Feuerwerk, das über den Wellblechdächern Tamales aufleuchtet. Etwas Heißes landet auf meinem Arm: Glimmende Asche von der Strohfackel vor uns. Aziz hat eine fallengelassene Fackel von Boden aufgehoben und entzündet sie. Er reicht sie mir. Ich recke sie gemeinsam mit tausend anderen in die Höhe. Die Straße gleicht einem Flammenmeer. Safwan, Amin (Ralf), Aziz und ich mittendrin. Wir halten uns gegenseitig fest, um nicht im Trubel verloren zu gehen. Gelegentlich recken wir die Arme in die Höhe und rufen „yoo yoo yoyayoo“. Inzwischen ist der Qualm beißend geworden. Meine Augen tränen. Das Flammenmeer hat sich etwas gelichtet. Die abgebrannten Fackeln werden zu Boden geworfen. „Gut, dass ich feste Schuhe anhabe“, denke ich, während wir über die Glut hinweg marschieren.
5-1 Wir bewegen uns auf den Stadtrand zu. Hinter den Tankstellen stoppt der Mob. Ein großer Nimbaum ist das auserkorene Ziel. Aus einigem Abstand sehe ich, wie die verbliebenen Strohfackeln in den Baum geworfen werden. Zugleich bemerke ich zwei Gestalten, die auf den Baum klettern und mit ihren Macheten äste abschlagen. Damit ändert sich das Erscheinungsbild des Mobs: Statt wilden, kriegerischen Fackelträgern kehren jubelnde, Zweige schwingende Tänzer in die Stadt zurück. Zum klangvollen Dröhnen der Trommeln werden Lieder angestimmt. In die Knie gehend tanzen wir „tam tam“ den langen Weg zurück. Wir hüpfen, jubeln, schubsen uns gegenseitig um. Manche Dagombas präsentieren stolz ihre schwarze Medizin: Westen, die Kugeln und Feuer abhalten. Armbänder, durch die man von keinem Messer verletzt werden kann. Manche haben sich weiß angemalt und tragen kuriosen Kopfschmuck: Tongefäße, Federn im Haar, Helme mit Hörnern…
1Weiterhin werden Schüsse abgefeuert. Noch mehr Feuerwerke erfüllen die Nacht. Wir erreichen Lamashegu. Entlang der Straße empfangen uns die Zurückgebliebenen. Hauptsächlich Alte und Frauen mit kleinen Kindern. Die Meute biegt zum Chief’s Palace ab, von wo der Fackelumzug begonnen hat. Denn erst, wenn der Chief seine Fackel entzündet, wird das Fest zum Fire Festival. Vorher sind es überwiegend Kinder, die ihre Fackeln stolz durch die Straßen tragen, die ersten Feuerwerke bewundern, sich auf das bevorstehende Fest freuen.
on motoWir fahren mit unseren Motorrädern (Motos genannt) in die Stadt. Von allen Seiten strömen die Bweohner Tamales zusammen. Das Feuerwerk artet aus. Zu oft werden Feuerwerkskörper in die Menge geworfen. Die Schüsse kommen mir immer lauter vor. Aziz und ich laufen die Straße vor der Central Mosque auf und ab. Plötzlich steht eine Gruppe Trommler direkt vor uns. Wir können nicht mehr ausweichen. Also tanzen wir. Im Anschluss müssen wir ihnen etwas Geld in die Hand drücken. Als wir weiter gehen, begegnen wir unzähligen weiteren verrückt angezogenen Dagombas. Selfie-Time! Die Kinder sind schon längst im Bett, als sich die Menge beginnt aufzulösen. Gegen 1 Uhr morgens bringt uns das Moto nach rund 5 Stunden Festival sicher nach Hause – die Hartgesottenen feiern jedoch weiter.

2Mit dem Fire Festival beginnt das neue Jahr der Dagombas. Traditionell wird an diesem Tag von den Chiefs ein Opfer dargebracht, um die schwarze Medizin wirksam zu machen. Beim Fackelumzug in der Nacht wird diese schließlich ausgetestet. Doch durch den islamischen Glauben, der die traditionellen Götter ablehnt, verliert diese Medizin an Bedeutung. Außerdem schlagen die Versuche häufiger fehl, weshalb heutzutage z.B. nicht mehr auf Personen geschossen wird, um die Wirksamkeit der Medizin zu beweisen.

Fire Festival der Dagomba

mit Aziz
Mit einem Fackelmarsch, Salutschüssen und Feuerwerk haben die Dagombas in Tamale das neue Jahr begrüßt. Eine große Meute trug die Strohfackeln aus der Stadt heraus, warf sie in einen Baum und brachte Zweige des Baumes als Fruchtbarkeitssymbol wieder. Traditionell wird in dieser Nacht auch die schwarze Medizin ausgetestet. Doch durch den islamischen Einfluß werden jetzt keine Leute mehr erschossen, um die Schusssicherheit der Amulette zu beweisen.

Larabanga mosque

Nach einer sehr verrückten Nacht fuhren wir nach Larabanga und bemalten die Bücherregale und Stühle in der Bibliothek.

Barka da salla!

Auntie Hajia, Aminu und Latifa Es ist der Abend vor Eid-al Adha, dem muslimischen Opferfest. Unsere Mission ist, ein Schaf aus Ashaiman zu holen. So begeben wir uns im Dunkeln nach Ashaiman, überqueren seine schlammigen Straßen sowie den Bolzplatz und erreichen zwei Holzhütten am Rand der Mülldeponie. Dort ist ein Widder für uns angebunden. Nach einem kurzen Plausch mit den Hüttenherren binden wir den Widder los und führen ihn wie einen Hund an der Leine mit uns. Später wird er in den Kofferraum des Autos verfrachtet.¬

Salla-Gebet auf dem Fußballfeld Am nächsten Morgen ist noch mehr im Hof los als am Abend zuvor: Frauen sitzen um Schüsseln herum, schneiden Gemüse. Hier und da köchelt ein Topf auf dem Feuer. Die Kinder rennen aufgeregt umher. Zwei Schafe blöken. Das ganze Haus ist früh um 6 schon auf den Beinen und bereitet das Fest vor.
Während die fleißigen Frauen weiterhin kochen, trete ich mit meinen Brüdern Safwan und Amin den Weg zum Fußballplatz an. Für so ein großes Fest ist die Moschee einfach zu klein. Deshalb wurden draußen Zelte aufgebaut und Matten ausgebreitet. Ich finde ein Plätzchen zwischen Safwans weiblicher Verwandschaft. Im angenehmen Schatten des sonnigen Samstagvormittags erwarten wir die Ankunft des Imams. Um 9 Uhr ist es soweit: Er beginnt das Gebet. „Allahu Akbar – God is the greater“, gefolgt von Suren auf Arabisch. Wir verbeugen uns, knien uns hin, stehen wieder auf. Noch einmal: Sure, verbeugen, knien, gemütlich hinsetzen. Dann endet das Gebet bereits mit „Salaam Aleykum – Peace be upon you“ zu beiden Seiten. Viele Gläubige bleiben noch sitzen und beten im Stillen. Dann finden sich die Familien wieder zusammen, die Kinder genießen ein FanIce, wir machen Fotos. Auf dem Heimweg wünschen wir uns gegenseitig „Barka da salla!“ (Antwort: Barka kade).
Zuhause angekommen zieht sich Safwan um und schlachtet gemeinsam mit einigen Freunden die Schafe. Wenn die Schafe geschächtert und die Haut abgezogen sind, wird das Fleisch auf der Haut in Portionen geteilt: ein Drittel wird Freunden und Verwandten geschenkt, ein Drittel bekommen die Bedürftigen. Dafür stellen sich viele Kinder in einer Reihe an und bekommen jeder etwas Fleisch in die Hand gedrückt. Das verbleibende Drittel wird gegrillt, gedünstet,… Das ganze Wochenende über (3 Tage lang) gibt es viel Essen und noch viel mehr Fleisch.

Wahab mit den Kindern Der Montagabend ist für die Kinder. Ich bin inzwischen nach Kumasi gereist und darf gemeinsam mit 2 anderen Jugendlichen die Kinder ausführen. Auf dem Hof der Tankstelle tanzen unzählige Kinder. Drinnen genießen wir ein Milkshake und Eiscreme. Und so geht das muslimische Pandon zum Weihnachtsfest zuende.
Fußball auf dem Platz hinterm Family House

Lashibi map

Bilder: Präsentation der Bücher

Buchladen in Tamale

Buchladen in Tamale

Präsentation der Bücher

Präsentation der Bücher

Präsentation der Bücher

Präsentation der Bücher

und noch ein Bild von unseren Abenteuern:

Krokos streicheln in Paga mit: Tawfiq, Inusah, Aminu, Kroko

Krokos streicheln in Paga
mit: Tawfiq, Inusah, Aminu, Kroko

Copyright © 2022 by: 3 Kontinente • Design by: BlogPimp / Appelt Mediendesign • Foto: Pixelio • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.